ES GEHT RUND

Die Idee

Dieser Sport ist faszinierend: Wir drehen uns im Kreis. Und das in einer Welt, in der wir sonst nur geradeaus wollen. Runden zu fahren bedeutet, zu akzeptieren, dass man nicht vorankommt, zum Anfang zurückkehrt und sich stattdessen darauf konzentriert, den Weg zu verstehen, der uns dorthin geführt hat. Das tägliche Leben und das Training zwingen uns oft dazu, uns im Kreis zu drehen, aber wenn es um grössere Ziele geht, ist das meist anders. Betrachtet man zum Beispiel die Rennen, die sich nach dem Vorbild des Race Across und des Transcontinental entwickeln. Neues zu erkunden ist heute oft gleichbedeutend damit, irgendwo hinzugehen, sich umzusehen und sich nicht im Kreis zu drehen.

Bei meiner Solo-Mission quer durch die Alpen im letzten Jahr, von Österreich über Italien und die Schweiz nach Frankreich, gab es viele Orte, an denen ich etwas "verpasst habe" oder die ich, aufgrund des straffen Zeitplans, nicht genauer erkunden konnte. Deshalb habe ich mich dieses Jahr für eine Extrarunde entschieden. Eine "besondere" Runde, eine Runde, die man sich verdienen muss, eine Runde, die man nur schwer beenden kann. Ich bin ein absoluter Bike-Gourmet, für mich gehören Vorspeise, Hauptgericht und Nachspeise dazu. Ich liebe die ausgefallene Küche und Gerichte mit dem gewissen Etwas. Wenn es dir ähnlich geht, sollte die 7 Majeurs auch auf deinem Menü stehen.

 

Die 7 Majeurs: Ein Abenteuer vor der Haustür

Auf der Suche nach neuen Herausforderungen und neuen Abenteuern, suchen wir meist in der Ferne - auch wenn unser Land, unsere Region oder sogar unser Tal oft mehr als genug zu bieten hat. Letztes Jahr, auf der letzten Etappe (250 km und 7.000 Höhenmeter) meiner Alpenüberquerung, entdeckte ich gleich nach einer Rechtskurve (ich erinnere mich noch ganz genau), die in Richtung Guillestre führte, ein Strassenschild, auf dem Col d'Agnel und Italien stand. Ich fuhr zwar weiter, doch ich behielt dieses Schild im Hinterkopf. Ich kannte diese Gegend noch nicht. Ich wohne in Savoie und Agnel liegt ganz in der Nähe, trotzdem weiss ich nichts darüber.

Col d'Agnel und seine bisher unbekannten Möglichkeiten waren der Ausgangspunkt für mein Vorhaben im Jahr 2021. Nachdem ich mich umgehört hatte, erfuhr ich, dass dieser Pass Teil einer Runde ist, die in letzter Zeit viel Aufmerksamkeit erregt hat: die 7 Majeurs.

Die Route von Patrick Gilles führt über sieben Pässe auf mehr als 2.000 Meter. Insgesamt sind es 360 Kilometer mit 12.000 Höhenmetern. Von Jausiers über Col de Vars, Izoard, Agnel, Sempeyre, Fauniera, Lombarde und Bonette zurück nach Jausiers. Eine Stunde Recherche reicht aus, um alle nötigen Informationen über diese Tour zu finden. Nur 60 Minuten, um mein neues Projekt zu planen: eine solche Steigung und Distanz an nur einem Tag zu bewältigen, das wäre allerdings das erste Mal für mich.

 

Das nenne ich mal Sport! Viel Sport, aber auch eine gute Möglichkeit, den Kreis und eine Lücke zu schliessen. Ich würde endlich sehen, was sich hinter Agnel verbirgt.

Ende 2020 hatte ich mein Ziel vor Augen und die Motivation, mich auf das nächste Jahr vorzubereiten. Nach meinem Solo-Trip wollte ich wieder die Freude gemeinsamer Fahrten erleben. Auch wenn sich alles leichter planen lässt, wenn man allein ist, macht es in einer Gruppe einfach viel mehr Spass. Aber es war nicht einfach, Leute zu finden, die mich begleiten wollten. Aufgrund beruflicher und familiärer Verpflichtungen, eines Sturzes und einer Verletzung wurde meine geliebte Gruppe immer kleiner. Ende Juli waren wir nicht mehr zu viert, sondern nur noch zu zweit, nachdem wir das Vorhaben aufgrund von Krankheit zunächst verschoben hatten.

Tom, mein Begleiter, treibt mich immer wieder an und ich bewundere ihn wirklich sehr. Er ist jünger als ich, sportlicher, ein starker Triathlet, der seinen Körper wie seine Westentasche kennt und der bis an seine Grenzen geht, um Perfektion zu erreichen. Nur zwei Wochen vor unserer kleinen Runde hat er einen XTerra-Wettkampf gewonnen.

Zwanzig Jahren Rugby und knapp sechs Jahre Radsport (darunter zwei Triathlons) und trotzdem bin ich meilenweit von seinem Niveau entfernt. Aber ich wusste, dass wir eine wirklich gute Zeit zusammen haben werden, egal was kommt.

Der grosse Tag

Es ist Freitag Nachmittag in Jausiers. Hinter uns beiden liegt eine anstrengende Woche. Wir sind nicht allein. Ich habe ein kleines Foto-Team, das mich und meinen Partner begleitet und die schwere Aufgabe hat, die Vorräte zu verwalten. Es herrscht kein Druck, aber ich bin nervös.

Ich verstecke diese Nervosität nicht. Ich spreche sogar ganz offen darüber. Wenn wir uns hohe Ziele setzen, ist Angst ein Teil des Prozesses. Bei mir ist die Angst etwas Positives. Sie treibt mich an zu trainieren, mich nicht zu verletzen und vor allem nicht zu übertreiben, wenn ich vor meinem Kühlschrank - meinem schlimmsten Feind - stehe. Nach zwanzig Jahren Rugby ist es eine Herausforderung, Pfunde loszuwerden, vor allem, wenn man mehr als 10.000 Höhenmeter schaffen will.

Ich wünschte, ich könnte die Leute verstehen, die sagen: "Hab keine Angst, hab keine Zweifel". Meiner Meinung nach führt diese Denkweise nur dazu, dass wir unsere Leistungen mit zu viel Selbstvertrauen unterschätzen.

Das Training gibt mir die nötige Portion Selbstvertrauen, um Zweifel zu beseitigen, mir ein wenig Klarheit zu verschaffen und vor allem mein Niveau und meine Ziele einzuschätzen.

 

In diesem Fall habe ich ein grosses Ziel: die Runde so schnell zu beenden, dass ich keine zwei Nächte auf dem Bike verbringen muss. Wenn man erholt und gestärkt ist, kann man sich vorstellen, Fahrrad zu fahren anstatt zu schlafen. Aber ohne spezielles Training erscheint es mir unmöglich, fast gefährlich, mehrere Nächte ohne Schlaf auf dem Bike zu verbringen.

Majeur #1 Vars: Das Warm-Up.


Um 19.30 Uhr brechen wir in Jausiers auf. Die Sonne geht bereits unter, und wir fahren das wunderschöne Ubaye-Tal hinauf und lassen das riesige La Bonnette hinter uns. Dieser Ausgangspunkt ist perfekt: Wir haben gut zehn Kilometer Zeit, um auf dem leichten Pass warm zu werden, vor allem wenn man bedenkt, was uns noch bevorsteht.

Dieses Tal ist ein Paradies. Eine herrliche Kulisse von "mineralischen" Bergen, von orange bis rot leuchtenden Hängen, wie sie nur die Südalpen bieten.

Der Aufstieg von Vars über Saint-Paul bei Sonnenuntergang ist ein absolutes Highlight bei diesen Lichtverhältnissen. Wir versetzen Berge, Tom und ich. Wir beteuern uns gegenseitig, dass wir die bestmögliche Ausrüstung haben, dass unser gemeinsamer Bordeaux-Paris-Trip im Mai uns die nötige Ausdauer verschafft hat und vieles mehr. Wir kommen recht schnell zum Pass. Dort angekommen, erwartet uns eine schöne Überraschung: Aymeric, der Geschäftsführer eines Shops in Vars, lädt uns zu einem Aperitif mit seinen Kolleg:innen und Kindern ein. Zuspruch und gute Stimmung sind immer willkommen, wenn man so viele Stunden auf dem Bike verbracht hat. Schnell noch ein Erinnerungsfoto, und dann geht es weiter Richtung Briançon. Nicht besonders spannend, aber Teil der Runde.




Majeur #2 Izoard: Jetzt geht es richtig los!


Wir kommen nach Einbruch der Dunkelheit in Briançon an. Die Nacht ist dunkel. Der Mond ist nicht zu sehen. Nach einem katastrophalen Sommeranfang sind die Temperaturen nun perfekt. Nur ein kleines Stück Pizza und wir machen uns an den Aufstieg des Izoard. Wir wissen, dass wir die einfachste Etappe der Tour bereits hinter uns gelassen haben und nun die Realität beginnt. Wir sind fit, aber konzentriert. Wir fahren langsamen unter dem wunderschönen Sternenhimmel. Die Kilometer vergehen wie im Flug. Ich kenne diese Strasse; das macht die Sache einfacher und diese Tatsache beruhigt uns.

Endurance im richtigen Takt

Man kann trainieren, um ein bestimmtes Tempo zu halten und Kondition aufzubauen, aber man muss auf Tag X warten, um den richtigen Rhythmus zu finden. Erstaunlich ist, dass wir zwischen der Angst und der Erschöpfung recht schnell unseren Rhythmus gefunden haben.

Von Anfang an versucht man, es nicht mit einem einzigen Pedaltritt zu übertreiben. Endlich, am Izoard angekommen, finden wir unseren Rhythmus. Ein gleichmässiges Tempo, bei dem wir uns unterhalten können, ohne aus der Puste zu kommen, ein Tempo, das keine Pausen erfordert... die perfekte Geschwindigkeit.

 


Den Izoard bei Nacht zu fahren ist neu für mich. Den Gipfel nicht zu sehen, keinen Blick auf die Casse Déserte und dessen Marslandschaft zu erhaschen, ist seltsam. Aber die Atmosphäre unter der Milchstrasse ist überwältigend. Keine Autos, die uns stören. Die einzigen irdischen Lichter, die wir sehen, sind die unserer Begleiter:innen. In der Ferne taucht in absoluter Dunkelheit ein Blitz und ein roter Punkt auf. Ich geniesse jede Sekunde; mir ist bewusst, wie viel Glück wir haben.

Wir erreichen den Pass ohne ein Gefühl für die Zeit. Wir fahren schnell weiter, denn die Kälte ist eingebrochen. Wir verschlingen ein paar Nudeln, bevor uns die Abzweigung in Richtung Agnel etwas Wärme entgegenbringt. Als wir eine Pause einlegen, schenken wir der Uhr keine Beachtung. Die Atmosphäre ist entspannt, das Team läuft auf Hochtouren. Wir haben keine Zeit, die wir schlagen möchten, wir können also das Beste daraus machen!


Majeur #3 Agnel: Augen auf - die Milchstrasse zeigt uns den Weg.

Den Izoard hinunterzufahren und diese berühmte Linkskurve zu nehmen, die für mich Abenteuer bedeutet, gibt mir einen neuen Motivationsschub, obwohl ich schon überglücklich bin, überhaupt hier zu sein. Der Wegweiser nach Agnel war seit mehr als einem Jahr in meinem Gedächtnis verankert, und ihm zu folgen, bedeutet eine grosse Befreiung für mich. Jetzt bin ich mitten in den 7 Majeurs!

Eine Route ist eine Route, aber eine neue Route ist ein Geschenk. Die Strecke nach Agnel ist ein besonderes Erlebnis. Das Guil-Tal und seine Felsvorsprünge, das Rauschen der Stromschnellen, das verschlafene Fort Queyras, all das ist es wert, mitten in der Nacht mit dem Bike loszuziehen.

 


Wir biegen nach rechts ab, das Wasser nimmt seinen Lauf weiter in Richtung Saint Véran, "dem schönsten Dorf Frankreichs", so die Locals. Für uns ist es ein leichter Anstieg. Für untrainierte Radfahrer:innen ist die Fahrt zum Agnel leicht zu bewältigen und ein tolles Erlebnis. In Anbetracht der Uhrzeit, bleibt der Charme allerdings auf der Strecke, aber... die Milchstrasse ist immer da und führt uns zum Pass. Wir merken nicht, wie die Kilometer verfliegen, wir konzentrieren uns auf die Sterne über uns. Mit unserem Material sind wir längst eins. Die Tritte sind noch immer kraftvoll, als wir den 2.744 Meter hohen Gipfel erreichen.

Tom fährt immer voraus. Er ist in viel besserer Form als ich. Aber wir treffen uns bei jeder Essens- und Trinkpause, bevor es wieder weiter geht. Lange Aufstiege erfordert eine gewisse Konzentration, oder zumindest ein gewisses Bewusstsein für den eigenen Körper. Trotz meines Wunsches, nicht allein zu sein, muss ich mich manchmal zurückziehen. Musik begleitet mich bei jedem Pedaltritt und hilft mir, die Stunden im Sattel leichter zu bewältigen. Dennoch geniesse ich Toms Anwesenheit. Wir teilen unsere Eindrücke und unsere Dankbarkeit.

Wir sind in Italien: In Daunenjacken eingepackt und mitten in einer kühlen, aber milden Nacht machen wir uns auf den Weg nach Sampeyre. In der Dunkelheit suche ich den Monte Viso, kann ihn aber nicht entdecken. Er schläft noch tief und fest, beschert uns später jedoch einen der schönsten Sonnenaufgänge, die ich je gesehen habe.

Majeur #4 Sampeyre: Jetzt wird es ernst.


Bis jetzt verlief unsere Tour problemlos. Nur ein paar kurze Rampen zwangen uns, kräftig in die Pedale zu treten. Doch Italien begrüsst uns mit einer Gewissheit: Der Spass ist vorbei; jetzt wird es ernst! Ich habe viel über die italienischen Pässe gelesen, die wir überqueren werden, und ich kann offen zugeben, dass sie mir Angst machen. Wirklich, ich habe Angst, grosse Angst.

Warum dort hinauf?

Vom Tal aus gesehen, ist die Grösse des Berges überwältigend. Er überwältigt uns, lädt uns aber auch ein, ihn zu entdecken. Wenn wir ihn erklimmen, lernen wir, ihn zu respektieren. Es ist fast schon anstrengend die Schönheit dieser Landschaft zu begreifen. Wir können ihn durch Anstrengung erklimmen, aber niemals bezwingen. Manche sprechen von einem Kampf gegen sich selbst, einem Kampf gegen die Höhenmeter, für mich ist es eher ein Spiel. Wir spielen Entdecker, die Pässe erklimmen, so wie Bergsteiger Gipfel erklimmen, aber niemand von uns wird jemals einen Berg bezwingen. Für Radfahrer:innen ist das Risiko am grössten: Unterzuckerung, plötzliche Ermüdung. Aber wenn ich klettere, denke ich immer an die wahren Helden: die Bergsteiger. Sie riskieren ihr Leben beim Besteigen von Gipfeln, die sie jeden Moment überwältigen können.

Bergfahrten bedeuten auch zu akzeptieren, dass man sich Zeit nehmen und das Tempo reduzieren muss. Es ist eine Einladung, die Umgebung zu geniessen, die einen inspiriert. Kein Berg gleicht dem anderen. Jeder hat seine eigenen Geheimnisse, seine eigene Geschichte. Es liegt an uns, diese Geheimnisse und diese Geschichte zu entdecken. Man muss nicht jeden Berg befahren, man muss nur wissen, wie man die Landschaft geniessen kann!


Die Strecke des Sampeyre ist von Anfang an steil. Die durchschnittliche Steigung beträgt 8,5 % (maximal 10%) auf mehr als 15 Kilometern. Als erstes geht es im Wald über eine kleine Strasse und wunderschöne Weiden. Um diese Zeit ist alles friedlich. Sogar die Kühe schlafen und die Murmeltiere sind noch ruhig.

Wir nehmen unseren Rhythmus wieder auf; eine weitere Überraschung kündigt sich an. Nach der Milchstrasse des Agnel und dem Ende der Nacht beginnen wir den Aufstieg gegen fünf Uhr morgens. Es dämmert bereits, und der Sonnenaufgang ist nicht mehr weit. Über einem herrlichen Wolkenmeer entdecke ich meinen berühmten Monte Viso und die Piemont/Queyras-Kette. Und wieder einmal ist die Schönheit der Landschaft überwältigend. Aber wer in diesen Genuss kommen will, muss sich den Wecker stellen!

Tom macht noch ein paar Fotos und es ist endlich an der Zeit das Licht auszuschalten. Trotz der Anstrengung wird es nur langsam wärmer. Die Höhenmeter sind nicht der Rede wert, vor allem bei der wunderschönen Aussicht, die sich uns nach Stunden der Dunkelheit offenbart.

Auf jedem Kilometer gibt es etwas zu entdecken. Ich muss gestehen, dass wir trotz der Müdigkeit nach einer schlaflosen Nacht und den vielen zurückgelegten Kilometern immer noch überglücklich sind und uns freuen, diese Chance ergriffen zu haben.

Aber ich merke, dass meine Beine langsam schwerer werden. Vorsicht ist angesagt. Wir schalten zwischen den letzten beiden Gängen unserer 12-Gang-Gruppe. Ich bin manchmal skeptisch gegenüber neuen Produkten, aber unsere BMC Roadmachine 01 mit der Sram Red eTap ist mit den neusten Features ausgestattet und bietet einen unglaublichen Komfort. Man kann ohne Kraftaufwand schalten und den richtigen Gang finden, um das Tempo und die Intensität zu kontrollieren. Ich bin sogar vom Komfort des einteiligen Vollcarbon-Cockpits überrascht. Ich war etwas besorgt, da ich diese Art von Profil noch nie gefahren bin, aber es hat alles, was man braucht, um so viele Kilometer zu fahren.

Wir erreichen den Gipfel des Sampeyre, der ein Rundum-Panorama auf das italienische Piemont, den Gran Paradiso und die schönen französischen Queyras bietet. Das Team, das oben schon auf uns wartet, geniesst die Aussicht, eingemummelt in Schlafsäcken, während uns nun endlich richtig warm ist!

Dieser Pass ist gar nicht so einfach. Er erfordert Selbstbeherrschung und Selbsteinschätzung. Ich denke im Laufe des Tages hätte ich einen Fehler machen können, weil ich zu viel gewollt hätte. Die Tatsache, dass ich bei Sonnenaufgang losgefahren bin, erlaubt mir, die Aussicht mehr zu geniessen, die Erschöpfung zu vergessen und die Erfahrung zu geniessen. Aber die Höhenangabe auf dem GPS treibt mich weiter, wenn ich das Trödeln anfange.

Wir trinken etwas Warmes und saugen alles auf, was sich in der Umgebung abspielt. Dann ist es Zeit für den Pass, den ich am meisten fürchte: Fauniera, auch Pass der Toten genannt.


Majeur #5 Fauniera: Pass der Toten: Sein Ruf eilt ihm voraus


Überall stand über die 7 Majeurs dasselbe: Fauniera ist die Hölle. Allen, die behaupten, einen Berg "bezwungen" zu haben, kann ich nur sagen: Kommt und fahrt diesen Pass.

Der Pass der Toten macht seinem Namen alle Ehre. Er zerstört dich, spuckt dich aus und schickt dich dorthin zurück, wo du hergekommen bist.

Aber jeder hat eine andere Einstellung zu diesem Pass. Tom sieht es ganz anders. Er mochte die Passagen mit Steigungen über 20 %, die Felswände, an die man sich quetschen muss, um die Autos vorbeizulassen. Autos, voll mit Menschen, die einen ebenso bewundernden wie mitfühlenden Gesichtsausdruck haben.

Nach vier "gelungenen" Anstiegen erinnerte mich Fauniera daran, dass Vorbereitung nicht alles ist. Mir wird klar, dass ich schon am Anfang an meine Reserven gegangen war und dass ich bis zum Ende noch einmal richtig ranklotzen müsste, um das Ziel zu erreichen.


Nein, ich habe Fauniera nicht erobert. Ich nahm es geneigten Hauptes hin und ignorierte die beginnende Entzündung in meinem linken Knie und zerrte meinen Körper so gut wie möglich weiter.

Ich bin einmal mehr dankbar für mein Bike und den Endurance-Rahmen, der mich daran hinderte, den Fuss auf den Boden zu setzen.

Was ich von diesem Aufstieg im Gedächtnis behalten habe: Er ist genauso schwer wie beschrieben, vielleicht sogar noch schwerer. Die ersten Kilometer im Wald lassen einen glauben, dass "es irgendwann vorbei sein wird" und dann kommt ein 20 %-Schild, und noch eines... Diese Höhenmeter werfen auch den besten Kletterer aus der Bahn. Nach dem Wald gönnt man sich eine kurze Verschnaufpause. Eine Lichtung, ein Bauernhof und ein Parkplatz. Eine Einladung zur Pause, die ich nicht annehme, weil ich fürchte, nicht mehr loszukommen. Ich versuche also, meine Beine und meinen Rücken zu vergessen - die zwanzig Rugby-Saisonen merke ich jetzt in jedem Knochen - und konzentriere mich nur auf Tom. Das fällt mir leicht, denn er ist immer 50 bis 100 Meter vor mir.



Ein erster Pass, leider nicht Fauniera, der Colle d'Esischie lässt einen glauben, man sei schon da! In einer Rechtskurve merkt man, dass die Statue von Marco Pantani fehlt. Man muss weiter und weiter und weiter. Ich trete immer wieder in die Pedale. Ein echter Albtraum für mich. Oben angekommen ist es eine andere Welt. Als Piraten verkleidete Italiener kommen, um dich zu fotografieren und belächeln dich mit ihrer Kaltherzigkeit. Ich habe das Bike einfach vor Marco‘s stehen gelassen, ein oder zwei Dosen getrunken, alles gegessen, was ich in die Finger bekam, und Entzündungshemmer genommen, damit ich die letzten beiden Pässe dieser 7 (zu diesem Zeitpunkt schrecklichen) Majeurs in Angriff nehmen konnte!

Ein paar Fotos später, ein gezwungenes Lächeln, mit deutlich spürbarer Müdigkeit, machen uns auf den Weg nach unten. Was für ein Vergnügen, ein paar Kolleg:innen zu treffen, die wie wir mit dem Aufstieg kämpfen... es ist seltsam, es ist unbedeutend, aber manchmal ist es schön zu sehen, dass man nicht der Einzige in dieser "Misere" steckt!

Im Tal angekommen, essen wir noch einmal, bevor wir Pratolongo erreichen und nach Frankreich weiterfahren! Lombarda mit 21 Kilometern und einer durchschnittlichen Steigung von 7 % ist leicht zu schaffen, es sei denn, man ist schon seit dem Vortag unterwegs!


Majeur #6: Lombarda, Haare im Wind, Beine nach innen!

Die Medikamente wirken. Mein Knie tut noch weh, aber mein Rücken wird besser. Jetzt hat Tom Schmerzen. Seine Beine sind noch fit, er kämpft mit der Müdigkeit. Lombarda ist ein einfacher Pass, lang, aber einfach. Man muss nur mit den Elementen zurechtkommen: Der Verkehr besteht aus Wohnmobilen, Sportwägen und Motorradfahrer:innen. Und mittendrin ein paar Radfahrer:innen, die fast verloren wirken!

Nachdem ich in Fauniera die Hölle durchlebt habe, schwor ich mir, dass ich die Tour um jeden Preis zu Ende bringen würde. Jetzt höre ich auf, auf mich zu hören. Ich mache einfach weiter. Ich versuche, Tom abzulenken. An einer Kurve: eine lose Speiche. Ich rufe meinen Mechaniker an, finde etwas, um sie zu reparieren, versuche, diese Geschichte zu vergessen und fahre sofort weiter.

 




Ich muss sagen, dass ich von diesem Pass nichts behalten habe, ausser den letzten zwei Kilometern, die uns einen Blick auf die französischen Queyras und die faszinierende Aussicht auf die Bonette ermöglichten – ganz zum Schluss.

Bei Gegenwind arbeiten wir uns zum Pass. Lustlos, kaum warm trotz der Anstrengung. Dick eingemummelt und mit Vorräten, die wir buchstäblich geplündert haben, machen wir uns auf den Weg hinunter nach Isola.

Es folgt ein Abschnitt nach Saint-Etienne-de-Tinée, eine leichte, nicht nennenswerte Steigung, mit Rückenwind. Ich kenne diese Strecke, ich bin sie bereits in der entgegengesetzten Richtung gefahren, um nach Menton zu kommen. Ich profitiere davon, denn ich weiss, dass der letzte Pass, der uns erwartet, das lang ersehnte Ziel und gleichzeitig die Hölle ist.


Majeur #7 Bonette: Weder der höchste, noch der schönste Pass Europas, und dennoch keine leichte Aufgabe...

Bonette schüchtert Radfahrer:innen ein, lockt sie aber auch an. Er macht ein leeres Versprechen: Dieser Pass ist nicht der höchste in Europa und auch nicht der schönste, wenn man ihn von Tinée aus fährt.

Wir interessieren uns nicht mehr für die Landschaft. Mein Knie schmerzt wieder. Ich habe keine Lust mehr, aber ich fahre weiter. Bei Tom ist wie immer alles in Ordnung. Er ist müde, tritt aber mit Leichtigkeit in die Pedale. Ich wusste ja, dass er viel Kraft hat, aber das ist unglaublich. Er lächelt, motiviert mich, redet mit mir. In dieser Phase bin ich leider für jede Ermutigung unempfänglich.

 

Ich bin schon eine ganze Weile in meiner Blase und versuche, mir einzureden, dass die Schmerzen nur vorübergehend sind, dass sie der Preis für den Erfolg sind.

Ich sage mir immer wieder, dass wir nach zwanzig Stunden im Sattel, insgesamt fast vierundzwanzig Stunden seit unserer Abfahrt, nicht aufgeben dürfen. Ich möchte niemanden enttäuschen, der mir geholfen hat, all dies auf die Beine zu stellen...



Als ich beginne, den höchsten Punkt zu erahnen, kommt mir eine Erinnerung zurück: Im Mai musste ich bei Bordeaux-Paris aus technischen Gründen aufgeben. Zweimal hintereinander aufgeben kommt nicht in Frage. Ich fahre also weiter und verdränge alle negativen Gedanken und die Signale, die mir mein Körper gibt. Zu diesem Zeitpunkt merke ich schon fast gar nicht mehr, dass ich auf einem Fahrrad sitze.

Unter anderen Umständen ist Bonette ein Kinderspiel. Der Pass ist landschaftlich sehr abwechslungsreich, die verlassenen Militäreinrichtungen vermitteln einen Hauch von Wüste. Wir treffen auf Herden und Schäferhunde, die mit fast unerträglicher Leichtigkeit über den Hang laufen!

Col de la Bonette ist ein Anstieg wie die anderen. Ein bisschen länger, aber nicht schwieriger... Ausser für uns. Wir haben so viel gegeben, um hierher zu kommen. Der Anstieg ist anstrengend. Aber er ist auch befreiend. Auf dem Pass angekommen, muss man sich allerdings an den Gedanken gewöhnen, dass es noch nicht vorbei ist: Man muss den verdammten Gipfel erreichen. Und ausnahmsweise sagt dir jeder, dass es eine Herausforderung ist. Eine zweistellige Steigung, um die Runde zu beenden. Tom lächelt. Wir sind fast am Ziel.

Marie wartet direkt neben der berühmten Gedenktafel der höchsten Route Europas auf mich. Wir kommen gemeinsam ins Ziel. Sie muss sich kaum anstrengen, um mir zu folgen. Ich gebe alles, was ich noch habe, und stelle mein Bike ab.

Wir haben es geschafft!

Müde, erschöpft, aber wir haben es geschafft... An diesem Punkt kann ich nicht einmal mehr in Freude ausbrechen oder vor Glück schreien. Ich bin nicht unbedingt glücklich. Ich habe nur das Gefühl, eine Aufgabe erledigt zu haben.

Schnell werden noch ein paar Fotos gemacht. Wir machen uns im Regen auf den Weg hinunter nach Jausiers. Das Wetter hat uns ganz schön überrascht: trocken während der gesamten Fahrt über die 7 Majeurs und dann Regen auf den letzten Metern zum Hotel.

Es ist jetzt einen Monat her, dass die Runde geschafft haben. Die verwirrenden Erinnerungen ordnen sich langsam. Die Puzzleteile fügen sich zusammen, und es überrascht nicht, dass ich bereits nach der nächsten Herausforderung Ausschau halte. An alle, die mehr wollen und die Berge lieben: Nehmt Patricks Herausforderung an und stellt euch den 7 Majeurs!